Informationsflut aus psychologischer Sicht
In einem Artikel der aktuellen Psychologie Heute (1/2010) “Permanent online – Wie die neuen Medien das Leben verändern” gibt Eva Tenzer einen Einblick, wie die Informationswelt den Menschen aus hirnbiologischer und sozialpsychologischer Perspektive verändert.
Nach einer kleiner Einführung in die neuen Medien, allen voran Twitter, beschreibt sie, wie das Gehirn Informationen sequenziell abarbeitet, kategorisiert und priorisiert und dabei irgendwann an seine Grenzen stößt. Der Trend zur immer schneller werdenden Informationsgesellschaft lasse sich wohl aber nicht mehr umkehren. Das habe schließlich Auswirkungen auf die Konzentrationsfähigkeit des Menschen.
Der stetige Eingang von mehr oder weniger wichtigen Informationen löse einen Steinzeitreflex beim Menschen aus. Die Experten Günter Weick und Wolfgang Schur sind der Meinung:
“Neue Informationen, das hat uns die Evolution gelehrt, sind lebenswichtig. Wir können deshalb nicht anders, als beim Auftauchen einer neuen Nachricht den Eingangskanal automatisch ein- und alle anderen Prozesse auf Standby zu schalten.”
Prof. Ernst Pöppel warnt sogar:
“Wenn man kontinuierlich sozial vernetzt ist und sich keine Zeit mehr für sich nimmt, zum eigenen Nachdenken, dann können sich keine kreativen Prozesse entfalten. Wir vernichten unsere kreativen Potenziale durch den Terror der Kommunikation.”
Immerhin hält Pöppel auch einen positiven Einfluss auf das Gehirn für möglich:
“Sequenzielles Multitasking verlangt ein exzellentes Aufmerksamkeitsmanagement. Dies wäre ein Art positiver Kollateralschaden, wenn wir durch diese Art der Tätigkeit die Ressourcen unseres Gehirns in dieser Richtung postiv beinflussen.”
Aus soziologischer Sicht erklärt Tenzer auch die bekannten Vor- und Nachteile des Leben im Netz. Auf der einen Seite verloren die Menschen aufgrund der virtuellen Kommunikation immer mehr den Bezug zur Realität.
Gerald Hüther drückt das noch etwas drastischer aus:
“Wenn jemand ständig im virtuellen Raum kommuniziert, hat es offenbar mit den realen Beziehungen nicht geklappt. Jemand, der drei gute Freunde hat und die täglich sieht, braucht keine Internetplattformen. Aber das Ausweichen dorthin reizt natürlich, weil man die Kommunikation über den PC vollkommen selbst steuern kann.”
Dagegen spricht, dass Twitter oder soziale Netzwerke wir Facebook es ermöglichen, dass Kontakte über große Entfernung aufrechterhalten oder sogar neu geschlossen werden können.
Zuletzt sieht Pöppel es dann doch noch etwas optimistischer:
“Das Gehirn repariert sich immer selbst, und wenn Situationen entstehen – etwa durch Technologie-, die uns von uns wegführen, von dem Eigentlichen, wie wir gemeint sind, dann setzen Kompensationsmechanismen ein, die uns auf den rechten Weg zurückführen.”
Der Artikel gibt einen Einblick, wie man das Problem der Informationsflut aus psychologischer und soziologische Sicht verstehen kann. Für das Thema als Ganzes ist es aber etwas einseitig. Es kann nicht nur aus diesen Bereichen betrachtet werden. Die Informationsflut ist ein interdisziplinäres Problem und kann deshalb auch nur in einem ganzheitlichen Kontext betrachtet werden.
Was mir in dem Artikel aus soziologischer Sicht fehlt: Warum sollen virtuellen Netze bestehende reale Beziehungen nicht ergänzen? Es heißt, entweder hat man reale Freunde oder man treibt sich in Internet herum. Ich denke, dass die virtuelle Seite eine reale Beziehung sehr gut ergänzen und vertiefen kann.
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Die Homepage der Autorin
Eva Tenzer
Die zitierten Experten:
Günter Weick
Wolfgang Schur
Prof. Ernst Pöppel
Beiträge von Frank Schirrmacher und Sascha Lobo auf Spiegel Online zum Thema Informationsflut:
Frank Schirrmacher: “Mein Kopf kommt nicht mehr mit”
Sascha Lobo:Â “Die bedrohte Elite“




1. Januar 2010 um 15:36
[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Daniel, M.F. Munz erwähnt. M.F. Munz sagte: Social Media Development » Informationsflut aus psychologischer Sicht: In einem Artikel der aktuellen Psycholog.. http://bit.ly/57TpWn [...]
18. Januar 2010 um 19:31
[...] las ich neulich etwas interessantes zum Phänomen Twitter. Twitter löse den sogenannten “Steinzeitreflex” aus. Neue Informationen werden sofort beim Auftauchen aufgesogen, alle anderen Kanäle [...]